Die „Installation Nr. 29 (Neues Rathaus)“ spielt auf eine der Geschichten der Schildbürger an. Nachdem die Schildbürger vergessen hatten, Fenster in ihr neues Rathaus zu bauen, sollen sie versucht haben, das Licht in Eimern in das Gebäude zu tragen. Jan Tichy kehrt das Gleichnis um und lässt „Lichtträger“ Licht im Innenraum des ehemaligen Kirchenraums zu sammeln, der für gewöhnlich nur mit Tageslicht auskommt. In den Sommermonaten 2016 hatte die Kunsthalle Osnabrück bereits „#lichttraeger“ gesucht, indem sie Besucher der Kunsthalle aufgefordert hatte, Fotos im Innenraum des ehemaligen Kirchenraums zu machen. Dadurch entstand eine fotografische Materialbasis, die von Jan Tichy nun weiterverarbeitet wird.

Zeitgleich initiiert die Osnabrücker Kuratorin und Initiatorin von „Lichte Momente“ Valérie Schwindt-Kleveman (experimental film workshop e.V., EMAF) das Projekt „Changing Osnabrück“ (2016) nach dem Konzept „Expanded Moments“: Junge Filmer sind aufgerufen, ein zweiminütiges bewegtes Standbild filmisch zu fixieren und einzusenden. In den zusammengeschnittenen Beiträgen soll ein Bild der Stadt Osnabrück entstehen, das von den Ansichten der 12 bis 27-jährigen geprägt ist. Das Projekt ist ebenfalls eine Deutschland-Premiere. Der in Prag geborene und in Chicago lebende Künstler hat das Konzept bereits in New York und Chicago, u.a. im Guggenheim Museum, im Metropolitan Museum of Art erprobt. Eingeladen sind Junge Filmer aus Osnabrück wie auch Interessierte aus anderen Städten, die zu Osnabrück eine besondere Beziehung haben.

Einsendeschluss ist Montag der 7. November. Bis zum Projektende können noch Arbeiten auf Facebook hochgeladen werden. Im Rahmen von „Lichte Momente“ wird das Video „Changing Osnabrück“ an der Außenfassade des Felix-Nussbaum-Hauses gezeigt. Filippo Berta ist der zweite Künstler des Outdoor-Video-Projekts „Lichte Momente“, das von Valérie Schwindt-Kleveman kuratiert und vom 19. November 2016 bis zum 8. Januar 2017 in der Osnabrücker Altstadt gezeigt wird. Das Projektmanagement hat Monika Witte.

 

Hintergrund zu den aktuellen Produktionen: Jan Tichys Licht-Raum-Installationen stehen in der Nachfolge der Bauhaus-Tradition und sind gleichermaßen von László Moholy-Nagy wie von seiner ersten Ehefrau Lucia Moholy inspiriert. Schon 2012 konnte Jan Tichy mit originalen Filmszenen von László Moholy-Nagy arbeiten, die 1936 im Rahmen des Science-Fiction-Films „Things To Come“ von H.G. Wells in London entstanden sind und lange als verschollen galten. Während seiner mehrwöchigen Berlin-Aufenthalte im Jahr 2016 setzte sich Tichy in den Archiven in Dessau und Berlin eingehend mit dem Werk von Lucia Moholy auseinander, die mit ihren Fotografien das öffentliche Bild des Bauhauses ganz wesentlich geprägt hat, bei ihrer Flucht aus Deutschland im Jahr 1933 aber all ihre Negative zurücklassen musste. Bis heute gitl ein Teil dieser Aufnahmen als unwiederbringlich verloren.


Die Ergebnisse seiner Recherchen präsentiert die Galerie Kornfeld ab dem 12. November in der Ausstellung „Weight of Glass“ (12.11.2016-7.1.2017), in der erstmals in Deutschland Jan Tichys Video „Things to Come 1939-2012“ gezeigt wird, das kürzlich im Begleitprogramm der László Moholy-Nagy-Retrospektive im Guggenheim Museum in New York zu sehen war. Die beiden Neuproduktionen, die in Berlin entstanden sind – „Installation No. 30 (Lucia)“ (2016) und das Video „Negatives Missing“ (2016) –, verweisen auf die 330 verlorenen Glasnegative von Lucia Moholy. Gleichzeitig gibt die Auseinandersetzung Tichys mit dem visionären Science-Fiction-Stoff von 1936 und dessen Vision der gläsernen Stadt „Everytown“ Einblicke in die besondere künstlerisch-historische Recherche-Technik des in Chicago lehrenden Fotografie-Professors. Die Ausstellung in der Galerie Kornfeld liefert daher eine wichtige Kontextualisierung der Osnabrücker Ausstellung. 

 

In Kooperation mit der Galerie Kornfeld (Berlin) entstand gleichzeitig das Projekt „German Nature“ (2016), eine Neonarbeit, die in Osnabrück ebenso wie in Berlin mit Hilfe von Lichtsignalen die neuen Sprachen aufzeichnet, die mit der Ankunft von über einer Million Flüchtlingen zu uns gekommen sind. Die Installation wird in Berlin im Rahmen der Ausstellung „Weight of Glass“ sowie in der Osnabrücker Ausstellung gezeigt wird. Es erscheint ein gemeinsamer Katalog.

Jan Tichy wurde 1974 in Prag geboren, studierte Kunst in Israel und erhielt seinen Master of Fine Arts an der School of the Art Institute of Chicago, wo er derzeit als Professor Fotografie sowie Art&Technology unterrichtet.

Wichtige Einzelausstellungen: MCA Chicago, Santa Barbara Museum of Art, Wadsworth Atheneum Museum of Art, Museum of Contemporary Photography in Chicago, Chicago Cultural Center, Tel Aviv Museum of Art, CCA Tel Aviv.

Jan Tichys Werke sind in bedeutenden musealen Sammlungen vertreten, u.a. im Museum of Modern Art in New York, dem Israel Museum in Jerusalem, dem Magasin Stockholm Kunsthall, dem Indianapolis Museum of Art. Der Künstler engagiert sich in unterschiedlichen kommunalen Projekten in den USA; eines davon ist „Expanded Moments“, das die Grundlage des Konzepts von „Changing Osnabrück“ liefert.

Förderer (Kunsthalle Osnabrück):
Das Jahresprogramm der Kunsthalle wird in Zusammenarbeit mit den Freunden der Kunsthalle e. V. durchgeführt und durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert. Jan Tichys Ausstellung hat eine Förderung durch das Artis Grant Program (www.artiscontemporary.org) erhalten. Die Freunde der Kunsthalle erhielten für dieses Projekt eine Spende der COLLEGIUM Vermögensverwaltung AG.

Förderer (Lichte Momente + Changing Osnabrück)
Das Projekt „Changing Osnabrück“ wird von der Felicitas und Werner Egerland Stiftung gefördert. „Lichte Momente“, in dessen Rahmen das Jugend-Projekt stattfindet, wird von der Stadt Osnabrück, dem Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V., den Freunden der Kunsthalle Osnabrück e.V., Spiekermann & Co. AG, der Interessengemeinschaft Heger-Tor-Viertel, OUTDOORBEAMER.COM und einem privaten Förderer aus Osnabrück unterstützt. Träger des EMAF-Projekts ist der Verein „experimentalfilm workshop e.V.“ unter der Leitung von Valérie Schwindt-Kleveman.