„Michael Beutler, Künstler– Etienne Descloux, Architekt“

Ausstellungsprojekt in der Kunsthalle Osnabrück
vom 12. September 2014 bis 11. Januar 2015


Die ehemalige Dominikanerkirche, die mit Kreuzgang und Innenhof sowie zwei weiteren Nebengelassen als Ausstellungsraum der Kunsthalle Osnabrück dient, ist mit ihren imposanten Ausmaßen der einschiffigen Kirchenhalle eine Herausforderung für künstlerische Interventionen, der man kaum mit klassischen Ausstellungshängungen gerecht wird. 

Bereits im Herbst 2013 hatte die neue Kunsthallendirektorin Julia Draganović den in Oldenburg geborenen und in Berlin lebenden Michael Beutler, erfahren in raumgreifenden und raumschaffenden Installationen, eingeladen, sich in einer Einzelausstellung im Herbst 2014 mit den Räumlichkeiten der Kunsthalle Osnabrück installativ auseinander zu setzen. 

Dass die Kunsthalle in den Monaten Juni bis August 2014 für Renovierungsarbeiten (Innenanstrich an des 21 Meter hohen Kirchenschiffes, Arbeiten am Beleuchtungssystem, Umbauarbeiten im Eingangsbereich, im Bürotrakt und im Foyer) geschlossen werden sollte, schien der neuen Direktorin eine vielversprechende Vorbereitung für ihre erste Ausstellungssaison. Dem Künstler Michael Beutler genügten diese Maßnahmen keineswegs. Und in der Tat kam man überein, dass einiges rückgebaut, anderes einer neuen Nutzung zugeführt werden müsse, um die Ausstellungsräume selbst wieder ins Blickfeld rücken zu können. Für diesen Umgestaltungsakt schlug Michael Beutler vor, den ebenfalls in Berlin lebenden Schweizer Architekten Etienne Descloux zur Zusammenarbeit einzuladen. 

Beutler ist ein Künstler, der von der ortspezifischen Auseinandersetzung mit Raum und Architektur zehrt. Der Architekt Descloux arbeitet vorwiegend in Kunstkontexten und in konstantem Dialog mit künstlerischen Konzeptionen. Und so beschloss man, die Expertisen zu verbinden und die Identitäten von Kunst und Architektur neu zu definieren, um  gemeinsam dem Ort und der Institution Kunsthalle Osnabrück zu einem künstlerischen wie konzeptuellen Denkanstoß zu verhelfen. 

„Michael Beutler, Architekt - Etienne Descloux, Künstler“ nennen die beiden das Projekt, in dem es vom 12. September bis 11. Januar um die Bereitstellung neuer Raumerfahrungsmöglichkeiten geht. Man geht dabei mit einfachen Mitteln vor: Der Großteil des verwendeten Materials stammt aus der Ausstellungsarchitektur vorangegangener Schauen in der Kunsthalle Osnabrück. „Upcycling“ nennen Künstler und Architekt, die für diese Ausstellung zum Teil die Rollen tauschen, das Verfahren, in dem das Material nicht nur wieder verwendet sondern sogar aufgewertet wird. Ziel der Installationen und Einbauten, die teilweise den Ausstellungszeitraum überdauern sollen, ist es, die Besucher in die Lage – oder besser in den Stand?- zu versetzen, das Raumgefüge der Kunsthalle neu zu entdecken. Und in der Tat bieten sie den Besuchern verschiedene Möglichkeiten, den Raum im Stehen, Sitzen, Liegen oder Gehen zu erproben. 

Während Beutler in seiner eben beendeten Ausstellung im Kunstverein Bielefeld ein breites Spektrum an Materialien, Farben und Techniken in einem regelrechten Bildersturm darbot, ist die Osnabrücker Ausstellung eher klassisch-streng und darauf bedacht, den Besucher auf unterschiedlichste Art und Weise willkommen zu heißen. Alles, was Beutler und Descloux bereit stellen, kann, darf und soll genutzt werden, nicht zuletzt zu dem einen Zweck, die Kunsthalle Osnabrück selbst als Raum wieder in den Blick zu rücken. Bilder und Dekorationen, Gegenstände, die lediglich der Betrachtung dienen, gibt es hier nicht, und manch einer mag die Räume für „leer“ halten, bis er erkennt, welche Opulenz, welch ein Reichtum an ungeahnten Möglichkeiten doch in einem Raum liegt, der durch den Besucher selbst gefüllt werden darf!

Michael Beutler, geboren 1976 in Oldenburg, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule (Frankfurt am Main) und an der Glasgow School of Art (UK). Dem Künstler wurden bereits zahlreiche Einzelausstellungen unter anderem im Museum für Gegenwartskunst Basel (CH) (2014), dem Centre d’Art Contemporain Saint-Nazaire (F) (2013), im ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (2012), der Kunsthalle Lingen (2011) und im Kunstverein Bielefeld (2014) gewidmet. Zuletzt nahm Beutler an Gruppenausstellungen im Museé d´Art Moderne de la Ville de Paris (F), dem Museum of Contemporary Art Taipei (RC) (beide 2013), dem Kunstmuseum Luzern (CH) (2012) und der Singapore Biennale (2011) teil.

Etienne Descloux, geboren 1972 in Biel, lebt und arbeitet als Architekt in Berlin. Er studierte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und an der Universität der Künste in Berlin (UDK). Seit 2000 arbeitet er als selbständiger Architekt in Berlin mit Tobias Engelschall. Zu seinen Projekten zählen Bauten von Häusern in Neuchâtel und Hiddensee, zahlreiche Umbauten von Galerien, Wohnungen, Läden und Restaurants in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, London und Nikosia, Ausstellungsarchitekturen im Kunsthaus Bregenz und in der Galerie der HGB Leipzig sowie Zusammenarbeiten mit Künstlern wie Pablo Bronstein, David Lieske, Shahryar Nashat und Danh Vo und Gruppenausstellungen in der Kunsthalle Baden Baden und der Kunsthall Bergen.
www.etiennedescloux.de 

Nach Beendigung der Ausstellung in 2015 wird eine Monographie zum Werk Beutlers erscheinen, die gemeinsam von der Kunsthalle Osnabrück, dem Bielefelder Kunstverein und dem Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V., Berlin, herausgegeben wird.