Zeitgeist auf vier Rädern

Ein Querschnitt unterschiedlicher Positionen der Gegenwartskunst zum Thema "Automobil" wurde vom 17. August bis 21. Oktober anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Wilhelm Karmann GmbH in der Osnabrücker Kunsthalle Dominikanerkirche vorgestellt. Außerdem zeigte die dreiteilige Ausstellung von Karmann entwickelte Concept Cars, die teilweise erstmals öffentlich präsentiert werden, sowie von Karmann produzierte Autos in ihrem historischen Umfeld. Wie in einem Triangel bezogen sich die drei Ausstellungsteile aufeinander: Das Auto der Kunst verwies auf die Kunst des Autos. Beide Teile wurden verbunden durch die Darstellung des Autos in seinem kulturgeschichtlichen Umfeld.

Andy Warhols letzte Arbeit, die "Cars"-Serie, ist eine Auftragsarbeit für eine Mercedes-Werbekampagne aus den achtziger Jahren. Hier akzeptierte er zum ersten Mal ein europäisches Warenprodukt als Thema einer Bildserie. Ergänzend wurden zwei weitere Arbeiten Warhols gezeigt, in denen der VW-Käfer das zentrale Motiv ist. Auch Don Eddy und Paul Giovanopoulos thematisierten in ihren Arbeiten dieses Auto.

Als erotisch besetztes Kultobjekt inszenierte die Schweizerin Sylvie Fleury einen Formel-1-Rennanzug des zweifachen Weltmeisters Mika Häkkinen. Den Schutzanzug hatte sie in ein Kleid umgewandelt. So konterkarierte sie die Welt männlicher Perfektion, wie sie der Formel-1-Sport suggeriert. Damit transformierte Fleury zugleich den Anzug zum attraktivitätssteigernden Schmuck der Frau. Die vermeintliche ästhetische Affirmation des Materials verwies auf die Oberflächlichkeit und Leere, die sich hinter seiner glitzernden Fassade verbirgt.

In den großformatigen Bildkompositionen des Fotografen Andreas Gursky verschwindet das Individuum hinter den Ordnungssystemen industrieller Produktionsstätten und anonymer Architektur. In Boris Beckers Fotografien dominieren ungewöhnliche Konstruktionen der Infrastruktur und Architektur, und Uschi Huber lenkte den Blick auf die ästhetischen Strukturen von Objekten und unwirtlichen Orten entlang der Autobahn. Dagegen spiegelten die Arbeiten von Frank Darius und Stefan Erfurt die Harmonie von Natur und Technik wider. Der französische Künstler Patrick Faigenbaum und die Deutschen Stefan Erfurt und Stefan Sous schufen eigens zur Ausstellung neue Kunstwerke.

Die Geschichte des Autos der vergangenen 100 Jahre hat das Osnabrücker Unternehmen Wilhelm Karmann GmbH maßgeblich geprägt. Als Wilhelm Karmann Senior 1901 sein Unternehmen gründete, bestimmten Pferdekutschen das Straßenbild: der Karmann-Jagdwagen zeugt von dieser Zeit. Auch der Adler Primus in seiner Cabriolet-Version ist ein Symbol seiner Zeit. Das Käfer-Cabriolet verkörperte im Nachkriegsdeutschland die gehobene Variante der Käfer-Limousine, die unter anderem die Zeit der Massenmotorisierung einläutete.

Der Zeitgeist auf vier Rädern wurde zum Namensgeber für eine ganze Generation, für die so genannte "Generation Golf" - das Cabriolet dazu baute Karmann in Osnabrück. Es wird gezeigt in seinem historischen Umfeld, das der Betrachter gleichsam im Rückspiegel anschauen kann. So wird die historische Distanz des Geschmacks auch an einem Auto wie dem Scirocco deutlich. Wie bei diesen Karmann-Bestsellern war auch bei dem Ford Escort Cabrio der italienische Designer Giugiaro für die Gestaltung verantwortlich.

Ein Auto hat Karmann weltberühmt gemacht. Als Concept Car wird er in der Ausstellung gezeigt - der Karmann Ghia, der zum Kultobjekt wurde. Er ist ein bedeutendes Beispiel des Produkt-Designs des 20. Jahrhunderts.

Die ausgestellten Concept Cars zeigen, dass die Designer des Unternehmens sich stets an den fortschrittlichsten Entwicklungen des Geschmacks orientieren. Der „Karmann Idea“ belegt das genauso wie der Mercedes-Benz SL mit Flügeltüren.

Neue Wege beschritt das Unternehmen auch 1997 mit dem Open View, einem Geländewagen, dessen Dach sich öffnet. In dieser Zeit ließ BMW die Karosserie für einen "Alleskönner" von Karmann entwickeln: der multifunktionale BMW K2 kam 1998 auf den Markt. Als Vorläufer der heutigen Crossover-Produkte vereinigt er mehrere Karosserievarianten in sich: er ist zugleich Coupé, Pick-up, Targa und Cabriolet. 1999 wurde für Ford das erste viersitzige Serienfahrzeug mit einem Retractable Hardtop, das Ford Focus Cabriolet, produziert. Zur gleichen Zeit suchte Karmann nach einer Lösung, ein Cabriolet mit einem Coupé zu verbinden und dabei noch genügend Platz für die Fond-Passagiere und das Gepäck zu erhalten. Das Ergebnis dieser Bemühungen war das Karmann-Coupé, mit dem offen gefahren werden kann. In den acht vorgestellten Concept Cars zeigt sich die unverwechselbare Handschrift der Karmann-Linie.